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Waiblinger Kreiszeitung - Sommertour 03. September 2009

Liebestheater im Weindorf
25 Leser ließen sich in Strümpfelbach auf charmante Art von Heike Marx stadtverführen

Weinstadt. „I tanz bloß no mit dir!“, sagt das Gretle am Ende zu ihrem Frieder. Happy End einer unterhaltsamen Sommertour mit kundiger Führung und schwäbisch-knitzem Theater, die unsere Leserinnen und Leser durch Stationen der Ortsgeschichte Strümpfelbachs führte und . . . natürlich in einem urigen Weinkeller ausklang.

Von Thomas Milz.

Noch schöner, als etwas geschenkt zu bekommen, scheint es zu sein, etwas gewonnen zu haben. So fanden sich denn die 25 Leserinnen und Leser des Zeitungsverlages Waiblingen, denen Fortuna hold gewesen war, erwartungsfroh am Treffpunkt beim Strümpfelbacher Gasthaus „Zum Sorgenbrecher“ zu einer „Stadtverführung“ ein. Über 250 Leute hatten sich für diese Sommertour beworben, erzählte Redaktionsleiter Frank Nipkau bei der Begrüßung der glücklich Ausgelosten.
Gleich doppelt spannend sollte der sommerlich historische Rundgang durchs idyllische Weindorf Strümpfelbach werden. Zum einen, was hat es mit der angekündigten Liebesgeschichte vom „Gretle und Frieder“ auf sich, zum anderen – mit bangen Blicken zum sich bedrohlich verdüsternden Abendhimmel – wird das Wetter auch halten? Aber Berufsoptimistin Heike Marx hatte erst gar keinen Regenschirm mitgebracht und versicherte bestimmt: „Das hält!“
Und so begann sie mit ihrer poetischen Hommage an einen Ort, „der sich in eine Talfalte des Schurwalds schmiegt und der sich über Jahrhunderte seine Ausstrahlung bewahrt hat“. Aber die kundige Cicerone sparte auf ihrem Geschichtsgang entlang der Weinhänge auch nicht die eher unglücklichen Aspekte der Dorfchronik aus, die von Krieg und Armut gekennzeichnet waren. Der 1265 zum ersten Mal erwähnte Flecken wurde im Mittelalter in die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Adel und den um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Städten gezogen. So wurde das überm Schurwald gelegene Esslingen zum Feind, der das Weindorf überfiel, verwüstete und dabei einmal 45 000 Liter Wein einfach ausschütten ließ. Ein Krieg, so Marx, der „mehr als hundert Jahre dauerte und Tod und Elend über Strümpfelbach brachte“. Was hernach mühsam wieder aufgebaut wurde, zerstörten dann der 30-jährige Krieg und die Pest. Aber die Strümpfelbacher ließen sich nie unterkriegen.

Auswandererschicksal: Als Arbeitssklaven in Peru

Dabei spulte nun Heike Marx nicht wie oft üblich nur die Daten und Fakten herunter. Obwohl sie natürlich in ihr hübsch eingebundenes „Verführungs-Skript“ immer mal wieder einen Blick warf. Das Besondere ihrer Art war, dass sie weniger nur berichtete, sondern aus der Geschichte Strümpfelbachs anschauliche Erzählungen machte. Dabei merkte man ihr gerne den Stolz an, wie und wo sie manche Quelle gefunden hatte. Aber auch, wie sehr sie selbst von den von ihr erzählten Geschichten berührt ist.
So zum Beispiel, als es um die Auswanderer ging, die in der Neuen Welt aus der Enge und Armut Strümpfelbachs flüchteten – und ihr Glück meist doch nicht fanden. Wie im beeindruckenden Schicksal der Eheleute Johanne und Jakob Franke, die 1851 gar in Peru als Arbeitssklaven verkauft wurden.
Aber dann war es so weit. In der Gasse beim Museum Nuss sprang plötzlich ein junger Bursch unter die Gruppe, der nur ein einziges Thema hatte: sein Gretle. Der Frieder war’s und schwer verliebt. Aber eben auch sehr eifersüchtig auf seine Angebetete, die als Bedienung im „Hirschen“ schaffte, was hienieden wie oben auf Gewitter deutete. Weshalb man sich dramatischer Entwicklungen harrend vorsorglich in den etwas geschützteren Hof des Weinguts Kuhnle rettete. Und dort kam es dann zum dramatischen Höhepunkt dieser rührenden Liebesgeschichte, bei der Frieder im Zorn einen zudringlichen Offizier niederschlägt. Sein Gretle an denselben verliert. Danach acht Jahre in den Kerker muss und als er nach seiner Begnadigung wieder in Strümpfelbach ist, wer steht da plötzlich vor ihm und fällt ihm für immer in die Arme? Sein Gretle!
Und so waren denn nach Happy End und wohlgefälligem Applaus alle eingeladen, auf ein Glas im Weinkeller von Werner Kuhnle. Und auch der erwies sich als unterhaltsamer Gastgeber mit komödiantischen Talenten, als er vom Rat seiner Oma erzählte: „Bua, mach dein Wein so, dass du’n notfalls selber trinka kasch.“ Das nun war aber an diesem Abend nicht nötig.


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