Stuttgarter Zeitung - Samstag, 30. Mai 2009
Was Waschweiber über Autopioniere zu erzählen wissen
Die neu gegründete Agentur Kultissima bietet an verschiedenen Orten im Remstal von Schauspielern gestaltete Führungen an
Schorndorf. Es ist spannender, Nachbarschaftstratsch zu erzählen, als aus staubigen Geschichtsbüchern vorzutragen. Unter diesem Motto bietet die frühere Geschäftsführerin der Remstal-Route, Heike Marx, Führungen an, bei denen für die Zuhörer Geschichte lebendig wird.
Von Oliver Hillinger.
In der Welt eines Waschweibes ist ein Autokonstrukteur ein fremdes Wesen. Bei der Führung durch Schorndorf, die von der Agentur Kultissima unter dem Titel "Gottlieb Daimler - Eigenbrötler und Visionär" angeboten wird, kommen sich diese Sphären jedoch näher. Gerade noch hat Heike Marx, die Geschäftsführerin der Agentur, davon erzählt, in welch bescheidenen Verhältnissen man Mitte des 19. Jahrhunderts in Schorndorf lebte, wo jeder mehr schlecht als recht sein Brot mit Landwirtschaft und Handwerk verdiente, da biegt das Waschweib Marie um die Ecke und schildert ihr Dasein auf eine schwäbisch-handfeste Art. "Wisset Sie des, was des für Arbeit macht", fragt Marie die Teilnehmer der Führung. Den ganzen Tag zu waschen, das Essen kochen und zu putzen. Aber dafür ist Marie überall inder Stadt unterwegs und hört "das Gras wachsen". Und sie wartet deshalb mit all den Gerüchten auf, die sich um den eigenbrötlerischen Konstrukteur Gottlieb Daimler ranken.
Schwäbisch ist für die Schauspieler die Einstellungsvoraussetzung
Für Führungen solcher Art hat Heike Marx Schauspielschülerinnen engagiert. "Schwäbisch ist für mich Einstellungsvoraussetzung", sagt sie augenzwinkernd. Die Spannung der Führung liegt in den abwechselnden Dialogen zwischen den Darstellern. Die Erzählerin Heike Marx liefert die historischen Grundzüge, die stets von den Gebäuden ausgehen, welche die Stationen der Führung bilden. Damit die historischen Details stimmen und die Texte spannend sind, wurde ein Historiker zusammen mit einem Drehbuchautor für die Dialoge engagiert. "Es ist wichtig, dass es sich nicht um trockene Zahlen, sondern um Anekdoten handelt, schildert Heike Marx ihr Konzept.
Die frühere Geschäftsführerin der Remstal-Route verfolgt dieses Konzept mit der Gründung ihrer Agentur seit Anfang des Jahres, als sie dem Verkehrsverein Lebewohl sagte und sich geschäftlich auf eigene Beine stellte. "Meine frühere Tätigkeit ist mir dbei sehr hilfreich", sagt die 37-jährige. Sie kennt das Remstal und weiß, welche touristischen Anfragen es gab. Die Angebote sind deshalb nicht nur als Fremdenführungen zu buchen. Kultissima verspricht, ganze Veranstaltungen zu umrahmen. Auch andere Orte im Remstal schließt sie mit ein: In Schwäbisch Gmünd kann man eine Führung mit dem Titel "Das Geheimnis der Ringlegende" buchen, dass den Gründungsmythen der Stauferstadt und der historischen Persönlichkeit der Agnes von Hohenstaufen auf die Spur kommen soll. Und in Weinstadt-Strümpfelbach wird demnächste unter dem Titel " 'S Gretle und Frieder" eine Liebesgeschichte aus dem frühen 20. Jahrhundert als lebendige historische Szenenfolge zu sehen sein.
In Schorndorf lernen die Teilnehmer in der Führung aber nicht nur das geschwätzige Waschweib Marie, sondern auch Gottlieb Daimlers treusorgende erste Ehefrau Emma Pauline kennen. Im schwarzen Kleid des 19. Jahrhunderts ist sie der Gegensatz zur geschwätzigen Marie. Sie ist beständig am Nachdenken, was sie ihrem Mann Gutes tun kann und was sie Leckeres auf den Tische zu zaubern versteht. Ganz am Schluss, in der guten Stube des Daimler-Geburtshauses in der Höllgasse, verteilt Emma Pauline Daimler gar das Lieblingsrezept des Automobilkonstrukteurs: eingelegtes Kalbfleisch in weißer Soße. Besonders schmackhaft sei das mit Bandnudeln, wie man auf http://blog.kultissima.de nachlesen kann.




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