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Ludwigsburger Kreiszeitung - Samstag, 15. Mai 2010

Von Rattenflöhen und der Ringlegende
Leben mit den Staufern: Bei einer besonderen Stadtführung werden Histörchen aus Schwäbisch Gmünd erzählt

Mit der Laterne leuchtet Gamundias weit zurück in die Vergangenheit. „Als Chronist von Gmünd bin ich mit vielen Details vertraut“, überrascht er eine Gruppe, die sich in der alten Gold- und Silberschmiedestadt auf einer Zeitreise bewegt.

Von Franz-Norbert Piontek.

„StadtVerführung“ heißt der einmal monatlich stattfindende Rundgang zu markanten Punkten, zu denen Heike Marx führt. Immer wieder wird Gamundias vorbeischauen, um die „neueste“
Begebenheit erzählen zu wollen, was ihm erst mit viel Geduld gelingen wird. Schwalben zischen über das Spital im Abendlicht. Im Hof des Gebäudes, in dem heute unter anderem die Stadtbibliothek untergebracht ist, steht die Gruppe und wird mit wahren Tragödien konfrontiert. „Dort, die Spitalmühle, 1269 erbaut“, zeigt Heike Marx nach Norden. „Tja, auch nach Gmünd kam die Pest. Übertragen durch Rattenflöhe. Hier im Spital versuchte man, die Kranken zu pflegen. Nur wenige überlebten.“ Dann zeigt sie zur Rems. „Die Gmünder schütteten das Wasser in den Fluss, die Bewohner remsabwärts wurden auch krank.“ Noch heute sind viele der 60 000 Einwohner stolz, eine, wenn nicht die erste staufische Stadtgründung gewesen zu sein. Friedrich I. (1050 – 1105) soll die erste Stadtmauer in Gmünd hochgezogen haben. Soll, wie gesagt. Und zwar 1110, und da war er wohl schon fünf Jahre tot. Die offizielle Homepage der Stadt nennt das Jahr 1162 und als Gründer keinen Geringeren als König Konrad III., ebenfalls einen Staufer. Aber zu Friedrichs Ehrenrettung: Er ließ um 1070 eine Burg auf dem Hohenstaufen bei Göppingen erbauen, den Stammsitz des künftigen Königs- und Kaisergeschlechts. Um 1100 ließ der zum Herzog von Schwaben aufgestiegene Herrscher Kloster Lorch in ein Benediktinerkloster umwandeln. Dort sind seine Gebeine in der Kirche in einem Sarkophag aufgebahrt.
Doch zurück zur „StadtVerführung“, die Heike Marx veranstaltet. „Als Reingeschmeckte sehe ich die Gegend mit anderen Augen“, sagt sie. „Viele zogen hierher, aber auch Einheimische
sind überrascht.“ Inzwischen ist die Gruppe über den Marktplatz geschlendert. An der Mohrenapotheke erfährt sie von exotischen Tinkturen. Vorbei am Marienbrunnen geht der Rundgang
zum Münster. Mit szenischen Einlagen springt sie zwischen den Zeitebenen hin und her. So lässt Heike Marx dort die berüchtigte Karfreitagsnacht 1497 aufleben, als der Chor der Hallenkirche zusammenstürzte, nur weil jemand meinte, man könne auf einige Stützen verzichten. Unterwegs wird unter anderem auf das Essverhalten eingegangen, ja auch auf die Trinkgewohnheiten. „Schnaps war gesund“, sagt Heike Marx. „Denn das Wasser war nicht sauber.“ Auch geht es um den Aberglauben, zumindest den Glauben an Reliquien, die helfen sollten. So habe der Unterkiefer der heiligen Algunda Magen- und Darm-Wehwehchen lindern können. „Der Reliquienhandel war attraktiv“, sagt Marx. Schließlich endet die Tour in
der romanischen Johanniskirche. Punkt 20 Uhr. Gerade läuten die Glocken des Münsters zum Abendgebet. Drinnen im Halbdunkel taucht Gamundias wieder auf. Und eine Frau im gelben
Gewand. „Wo ist mein Ring?“ Sie, die Gattin des Herzogs von Schwaben Friedrich I., mit ihm im zarten Alter von sieben Jahren verlobt, hatte den wertvollen Ring verloren. Ihr Mann, der den deutschen Kaiser Heinrich IV. im Investiturstreit nach Rom zum Bußgang nach Canossa beim Papst begleitet hatte, ging auf die Jagd und schoss einen Hirsch. In dessen Geweih glitzerte und blinkte der Ring. So kam es zur Stadtgründung, weiß die Legende. Wahr ist, Agnes gebar Friedrich elf Kinder, nach dessen Tod dem Babenberger Leopold III. noch mal zehn. Sie wurde knapp 71 Jahre alt.


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