Fellbacher Zeitung - Dienstag, 15. Dezember 2009
„Der Pfeffer von Stetten“ taucht in einem nächtlichen Kostümschauspiel in den Straßen auf.
Die Tür zur Gaststube fliegt auf. Der Spielmann David Pfeffer von Stetten tritt ein, wie die historische Figur immer dargestellt wurde, mit rotem Wams, blauem Mantel, die Fiedel unter den Arm geklemmt.
Von Eva Herschmann.
Stetten. In der ehemaligen Gaststätte Zum Pfeffer, die von ihm ihren Namen herleitete, sind die Temperaturen kaum höher als draußen. Die 36 Teilnehmer an der Ortsführung mit Schauspielern ziehen zwischen den Gemälden und Geweihen ihre warmen Jacken nicht aus. Pfeffer – alias David Jans – fängt an zu erzählen: Vom Tag seiner Geburt, an dem eine Sauhatz war.
In seinem Gefolge machen sich die Besucher auf in die eisige Nacht. Heike Marx, die Organisatorin, Inhaberin einer Kultur- und Veranstaltungsagentur, verteilt Petroleumlaternen.
Der Pfeffer ist längst ums Eck verschwunden. Eine Weile heizt der Glühwein, den Wengerter Dieter Konzmann zur Begrüßung kredenzt hat, von innen ein, dann wird die Nacht noch ein wenig kälter. Die nächste Begegnung mit der Vergangenheit liegt zum Glück nur wenige Schritte entfernt und taucht überraschend auf. Kurz nach dem Backhäusle, gleich hinter der Biegung
zur Mühle, trifft die Gruppe auf Bärbel. Sie ist auf dem Weg zur „Stond“. Schauspielerin Stela Katic will die fröstelnden Geschichtswanderer vor der Hölle retten und lädt sie ein, mit zur Betstunde zu gehen. Als sie erkennt, dass es vergebene Liebesmüh ist, verschwindet sie mit ein paar frommen Sprüchen und einem „Behüt Euch Gott“.
Vieles hat sich verändert: Beim Anblick des verdohlten Mühlbaches erinnert sich der Wengerter Hans Haidle, wie er als Kind auf dem frei fließenden Gewässer Schiffe schwimmen ließ. Linkerhand ist die Y-Burg zu sehen, hell erleuchtet, wie in allen Nächten. Die Petroleumlampen klappern beim Gehen. Lautes Schimpfen aus den Weinbergen mischt sich in das monotone Geräusch. Der Pfeffer von Stetten lästert mal wieder über die Obrigkeit. Was sei das denn für ein Leben, habe er zum Amtmann gesagt, wenn sich nicht einmal die klugen Schweine getrauten zu sagen, wie schlecht es ihnen gehe. „So schlecht wie uns“, ruft einer aus der Gruppe. Einige lachen leise.
Verschlafen liegt das sonntagabendliche Stetten rechts und links der einstigen Oberen Gass, die zum markanten Dach der Glockenkelter, zum Fachwerk des Heimatmuseums und zur Dorfkirche führt. Die Uhr schlägt acht Mal, bevor die Gruppe das Gotteshaus erreicht. Der Glockenturm im Campanile-Stil von Nord- und Mittelitalien passt zum Dorf der „Separatisten und Pietisten“, bei denen nichts so ist, wie anderswo, so sieht Heike Marx die Stettener. Auf dem Kirchplatz begegnen sich die Fromme und der Freche und verkörpern zwei prägnante Strömungen dieses Dorfs. Die brave Bärbel scheut das vorlaute Mundwerk des Pfeffers wie der Teufel das Weihwasser und flüchtet in Richtung altes Rathaus, an dessen Fachwerk die Puppen des Märchenkalenders hell beleuchtet sind.
Mond und Sterne halten sich dagegen bedeckt. Die Zeitreisenden sehen kaum die Hand vor den Augen auf ihrem Weg durch den Park der Diakonie. Mit der winterlichen Ruhe ist es vorbei, als sie durch den Torbogen zum Schlosshof gehen. Bärbel und der Pfeffer streiten sich unter dem Turm. Der Pfeffer behauptet, die wohltätige Schlossherrin, Gräfin Magdalena Sybilla,
liebe den Alkohol mehr als gut für sie ist. Bärbel klagt, der Rebell versündige sich an der gottesfürchtigen Dame. Ein Bewohner des Schlosses mischt sich ein. „Ruhe“ brüllt er aus einem erleuchtenden Fenster im oberen Stockwerk herunter.




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